Traditioneller Ayurveda und alternative Heilweisen

Über fünf Jahre hinweg habe ich das “Achtgliedrige Herz”, das Aşţāñga Hrdayam übersetzt und in sieben Büchern herausgegeben. Es ist mit einem Alter von etwa 1400 Jahren das modernste der drei Hauptwerke des Ayurveda. Blau gedruckt sind die Texte aus diesem Buch.

Strebt einer nach langem Leben um Dharma, Artha und Sukha zu erlangen,
sollte er dem Āyurveda größte Beachtung schenken.

Hier werden die vier hohen Ziele oder Sinnesinhalte des menschlichen Lebens angesprochen: Dharma, Artha, Kama und Moksha. (wobei die letzten beiden unter Sukha zusammengefasst sind) Dharma: Verantwortung und Hingabe (gegenüber der eigenen Bestimmung, der individuellen Rolle des Menschen in der Familie, Gesellschaft und dem Göttlichen) Artha: Sicherung der eigenen Lebensgrundlagen, wie gute Nahrung, sauberes Wasser, angenehmer Schlafplatz und die Anerkennung durch Freunde über die nahe Zukunft hinaus. Sukha: Kama ist die Eigenschaft oder Fähigkeit mit den Sinnen genießen zu können und Mokşa die Glückseligkeit durch die Auflösung der individuellen Seele in der universellen Seele.
Ayurveda besteht aus Ayu und Veda. Unter Ayu wird der vereinte Zustand des physischen Körpers, der Sinnesorgane, des Geistes und der Seele verstanden, welche als Charakteristika für einen lebenden Menschen gelten. Veda ist die Lehre, die unabhängig von Ort und Zeit gültig ist. In Kürze kann also gesagt werden, dass der Ayurveda die Lehre des Lebens ist.


Kaya, Bāla, Graha, Urdhvañga, Śalya, Damastra, Jarā und Vrşa
heißen die acht Gliede, auf die sich die Behandlung stützt.

 
Kāya: Der Körper, die Innere Medizin. Bāla: Das Kind, Kinderheilkunde. Grahā: Der Dämon, Besessenheit, Psychiatrie. Urdhvāñga: Der Kopf, Hals, Nasen, Ohren, Augen, Zähne. Śalya: Scharfe Instrumente, Chirurgie. Damaştrā: Toxikologie. Jarā: Das Alter, Gerontologie, Geriatrie. Vrşa: Aphrodisierende Mittel.

Vāta, Pitta und Kapha sind die Tridoşās.
Sie erhalten oder zerstören den Körper,wenn sie normal oder abnormal sind.

Die Tridoşā (gespr.: Tridoscha)Theorie ist das System der drei grundsätzlichen funktionellen Prinzipien des Lebendigen und bildet die Basis des Ayurveda. In ausgewogenem Zustand kontrollieren sie alle physiologischen Funktionen des Körpers bzw. führen diese aus.
Wenn sie in ihrem Gleichgewicht gestört sind, wird die Physiologie zur Patho-logie, also zu krankmachenden Funktionen. In diesem Zustand werden sie dann wortgemäß als Doşās (Fehler, Grundübel) bezeichnet. In einem intensiver angesammeltem Zustand verwandeln sie sich in Abfallprodukte und werden vom Körper ausgeschieden. So ist jede Krankheit in den Doşās begründet und die Gesundheit im Gleichgewicht eben dieser.

Die drei Doşās (Tridoşā) sind: Vāta, Pitta und Kapha (sprich: „Kaffa“). Vāta bedeutet „zu bewegen, zu begeistern, bewusst oder bekannt machen“ und ist in der Physiologie verantwortlich für die Bewegung und Vermittlung. Pitta bedeutet „zu verbrennen“ und „zu erhitzen“ und besitzt die Funktionen zu verdauen und Wärme zu erzeugen.
Kapha bedeutet „zu umhüllen“ und „zusammenzuhalten“ und besitzt die Funktion des Schutzes und der Resistenz.


Der Reihe nach treten sie während des Alters,der Lebensmitte und der Jugend auf,
sowie während des Tages, der Nacht und zu den Mahlzeiten.

Vāta tritt im Alter auf, nachmittags zwischen 14 und 18 Uhr, nachts zwischen 2 und 6 Uhr und am Ende der Mahlzeiten. Pitta tritt in der Lebensmitte (20 bis 60 Jahre) auf, mittags (10 bis 16 Uhr), um Mitternacht (22 bis 2 Uhr) und in der Mitte der Nahrungsaufnahme. Kapha tritt in der Jugend auf (Geburt bis 16 Jahre), morgens zwischen 6 und 10 Uhr, am späten Abend (18 bis 22 Uhr) und zu Beginn der Mahlzeiten.


Sie verursachen Vişamāgni, Tikşñāgni und Mañdāgni,
während Samāgni entsteht, wenn keines der drei überwiegt.


Agni kann als Feuer oder verwandelnde Kraft übersetzt werden, das/die zum Verbrennen der Nahrung im Körper benötigt wird. Sind die Doşās nicht im Gleichgewicht, so bewirkt ihre spezifische Eigenschaft eine Veränderung bei der Nahrungsverwertung. Ist dabei Vāta im Übergewicht, so kommt die Verdauung ins Stocken, verbunden mit Blähungen und wird Vişamāgni genannt. Ist Pitta im Übergewicht, so werden sogar große Mengen von Nahrung in sehr kurzer Zeit verdaut, was zu Sodbrennen und Durst während der Nahrungsaufnahme führt und Tikşñagni genannt wird. Ist Kapha im Übergewicht, so werden selbst kleine Mengen von Nahrung nur sehr langsam verwertet, was ein Gefühl der Schwere im Darm und ein Völlegefühl während des Essens hervorruft, was Mañdāgni genannt wird. Diese drei Typen sind abnorm und Ursachen für viele Krankheiten.


Der Stuhl und der Verdauungsapparat sind hart, weich und mittel,
je nach den überwiegenden Doşās,wobei er bei ausgewogenen Doşās mittel ist.
Die Doşās sind seit der Entstehung des Lebens im Samen des Mannes
und im Ei der Frau
und durch sie entstehen drei Arten von Prakrti,
wie Giftwürmer aus Gift entstehen,
diese sind schwach, mittel und ideal entsprechend den Doşās.
Entspringt diese Veranlagung ausgewogenen Doşās,
so nennt man sie samadhatu und kann als ideal betrachtet werden.
Entsteht das Leben aus zwei dominanten Doşās, nennt man das nindya.


Durch das Zusammentreffen von Samen und Ei entsteht das Leben, wobei die Anteile der Tridoşās verändert werden. So formt sich die Prakrti, die Veranlagung des Menschen. Es werden sieben Grundveranlagungen geformt: drei aus jedem einzelnen Doşā (schwach), drei aus den Kombinationen zweier Doşās (mittel) mit drei gleichwertige Doşās (ideal). Das Gleichnis der „giftigen Würmer“ soll sagen, dass sie, obwohl sie aus Gift geboren werden, nicht sterben, sondern überleben, da sie von den Doşās geformt werden, die mit Giften gleichzusetzen sind und den Menschen das ganze Leben über beeinflussen.


Trocken, leicht, kalt, rau, subtil und flüchtig sind die Eigenschaften von Vāta.
Etwas überfettet, ätzend, erhitzend, leicht, übelriechend, fließend,
und flüssig sind die Eigenschaften von Pitta.
Etwas klebrig, abkühlend, schwer, träge, glatt, schleimig und fest
sind die Eigenschaften von Kapha.
Das Zusammenwirken zweier unterschiedlich starker Doşās heißt samsarga.
Das Zusammenwirken aller drei Doşās heißt sannipata.


Somit sind die ersten Grundsätze des Ayurveda erklärt. Aus diesen Grundsätzen entwickelte sich, zusammen mit weiteren Faktoren wie der Zeit im direkten und übertragenen Sinn, anderen fördernden und störenden Einflüssen und den verschiedenen Eigenschaften der Speisen, Heilmittel und Tätigkeiten ein umfassendes Medizinsystem, das, nach genauer Kenntnis der Heilpflanzen, auch auf die Heilpflanzenwelt Mitteleuropas anwendbar ist. Dennoch muss man sich eingehend mit dem Originaltext auseinandersetzen, mit der Kultur Indiens, dem Buddhismus und dem Hinduismus, da einige Verfahrensweisen nur vor diesem Hintergrund verständlich sind.

Der Ayurveda ist eine ganzheitliche Medizin und beachtet deshalb neben den Vorgängen im Körper des Menschen auch jene des Geistes, der Psyche und der Umwelt. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten, dass die geistige Gesundheit, die geistige Hygiene, die Basis für körperliche Ausgeglichenheit und damit für die Gesundheit als Ganzes ist.
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